Ich laufe seit vielen Jahren Langstrecken, achte auf eine ausgewogene Ernährung und versuche, möglichst gesund zu leben. Nicht, weil ich perfekt sein möchte, sondern weil ich mich dadurch wohler fühle und leistungsfähiger bin. Gleichzeitig wäre es aber unehrlich zu behaupten, dass ich immer nur Gemüse und Vollkorn esse. Ich liebe Quaxi, Chips und Schokolade. Und wie wahrscheinlich viele Studierende habe auch ich öfter zu Fertiggerichten gegriffen, wenn das Budget knapp und der Hunger groß war.

Heute beschäftige ich mich als Ernährungsarchäologin wissenschaftlich mit den Essgewohnheiten vergangener Kulturen. Dabei wurde mir bewusst, dass wir in unserer modernen Küche etwas vergessen haben: die Bedeutung von Kräutern und Gewürzen. Über Jahrtausende waren sie weit mehr als bloße Geschmacksträger. Sie galten als Heilmittel, stärkten den Körper und waren ein selbstverständlicher Bestandteil einer gesunden Ernährung.

Spannend ist dabei, dass die Verbindung zwischen Ernährung und Gesundheit keineswegs eine moderne Idee ist. Lange bevor Vitamine entdeckt oder Kalorien berechnet wurden, machten sich Menschen Gedanken darüber, welche Lebensmittel dem Körper guttun. Die Vorstellungen waren aus heutiger Sicht nicht immer wissenschaftlich richtig – doch sie zeigen eindrucksvoll, wie alt dieses Wissen ist.

Schon lange bevor die ersten medizinischen Texte niedergeschrieben wurden, scheint der Mensch den Zusammenhang zwischen Pflanzen und Gesundheit erkannt zu haben. Analysen von rund 49.000 Jahre altem Zahnstein eines Neandertalers aus El Sidrón in Spanien zeigen Rückstände von Kamille und Schafgarbe – beides Pflanzen mit bekannten entzündungshemmenden Eigenschaften. Da derselbe Mensch unter einem schmerzhaften Zahnabszess litt und die Pflanzen kaum Nährwert besitzen, vermuten die Forschenden, dass sie gezielt als Heilmittel aufgenommen wurden. Es wäre damit einer der ältesten Hinweise darauf, dass Menschen Pflanzen nicht nur als Nahrung, sondern auch zur Linderung von Beschwerden nutzten.

Ernährung

Unterkiefer aus der el-Sidron Höhle

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Mesopotamien – Nahrung als Bestandteil der Medizin

Die ältesten bekannten medizinischen Texte stammen aus Mesopotamien. Besonders bedeutend ist die medizinische Keilschrifttafel Penn Museum lautet CBS 14221 (ca. 2100–2000 v. Chr.), die heute als älteste bekannte medizinische Rezepttafel gilt.

Sie enthält zahlreiche Heilrezepte, in denen Bier, Milch, Datteln, Pflanzen, Öle und Mineralien miteinander kombiniert werden. Die Zutaten wurden gekocht, zerstampft oder miteinander vermischt und als Trank, Salbe oder Umschlag verabreicht.

Eine eigentliche Ernährungslehre findet sich hier noch nicht. Dennoch zeigt der Text deutlich, dass Lebensmittel nicht nur satt machen sollten, sondern auch heilende Eigenschaften besitzen konnten.

Aus späterer Zeit stammen zahlreiche therapeutische Keilschrifttexte, die heute unter dem Editionswerk BAM – Die babylonisch-assyrische Medizin in Texten und Untersuchungen veröffentlicht sind. Auch dort begegnen uns immer wieder Zwiebeln, Knoblauch, Bier, Honig oder verschiedene Kräuter als Bestandteile medizinischer Rezepte.

Penn Museum CBS 14221

Penn Museum CBS 14221

Ägypten – Der berühmte Papyrus Ebers
Papyrus Ebers, column 41

Papyrus Ebers, column 41

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Der Papyrus Ebers (pEbers, ca. 1550 v. Chr.) gehört zu den umfangreichsten medizinischen Handschriften des Alten Ägypten und umfasst über 800 Rezepte.

Immer wieder werden Lebensmittel gezielt als Heilmittel eingesetzt. Honig dient aufgrund seiner konservierenden und antibakteriellen Eigenschaften zur Wundbehandlung. Knoblauch und Zwiebeln sollen Kraft verleihen und Krankheiten vorbeugen. Datteln, Feigen, Bier, Milch und verschiedene Kräuter finden sich in zahlreichen Rezepturen.

Der Papyrus zeigt eindrucksvoll, dass Ernährung und Medizin im Alten Ägypten eng miteinander verbunden waren.

Indien – Die Charaka Saṃhitā

Mit der „Charaka Saṃhitā“ (ca. 1. Jh. v. Chr.–2. Jh. n. Chr., auf älteren Traditionen beruhend) verändert sich der Blick auf Ernährung grundlegend.

Hier wird Nahrung nicht mehr nur als Bestandteil einzelner Heilrezepte verstanden, sondern als Grundlage der Gesundheit selbst. Die Schrift beschreibt, welche Lebensmittel für unterschiedliche Menschen geeignet sind, welche Jahreszeiten berücksichtigt werden sollten und wie Verdauung, Lebensweise und Ernährung zusammenwirken.

Viele Aussagen entsprechen zwar nicht der modernen Medizin, doch der Grundgedanke ist bemerkenswert aktuell: Die tägliche Ernährung entscheidet wesentlich über Gesundheit und Krankheit.

Charaka Saṃhitā

Ein Teil der Charaka Saṃhitā

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China – Das Huangdi Neijing
Huangdi Neijing

Japanisches Manuskript des Huangdi Neijing

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Das „Huangdi Neijing“ 黃帝內經 („Innerer Klassiker des Gelben Kaisers“, etwa zwischen dem 3. Jh. v. Chr. und dem 1. Jh. n. Chr.) gehört zu den wichtigsten Werken der traditionellen chinesischen Medizin.

Lebensmittel werden nach ihren Eigenschaften beschrieben – wärmend, kühlend, trocknend oder befeuchtend – und entsprechend der individuellen Konstitution empfohlen. Ziel ist es, das Gleichgewicht des Körpers zu erhalten und Krankheiten gar nicht erst entstehen zu lassen.

Prävention steht hier eindeutig im Vordergrund.

Griechenland – Die Geburt der Diätetik

Mit den Schriften des hippokratischen Corpus, insbesondere „Über die Diät“ (Περὶ Διαίτης) und „Über die gesunde Lebensweise“ (Περὶ Διαίτης Ὑγιεινῆς), beginnt im 5. und 4. Jh. v. Chr. eine neue Phase.

Gesundheit wird nicht mehr allein durch Heilmittel erreicht, sondern durch die richtige Lebensführung. Ernährung, Bewegung, Schlaf, Klima und körperliche Aktivität bilden eine Einheit.

Interessant ist, dass der berühmte Satz „Eure Nahrung sei eure Medizin“ in dieser Form gar nicht in den hippokratischen Schriften vorkommt. Dennoch entspricht er durchaus dem Grundgedanken dieser Texte.

Hippocrates

Hippokrates von Kos Buste von Peter Paul Rubens, 1638

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Rom – Ernährung wird systematisiert
Galen

Galen

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Im 1. Jh. n. Chr. beschreibt Aulus Cornelius Celsus in seinem Werk „De Medicina“ ausführlich, welche Ernährung bei bestimmten Erkrankungen sinnvoll erscheint.

Noch einflussreicher wird einige Jahrhunderte später Galen. In seinen zahlreichen medizinischen Schriften ordnet er Lebensmittel nach den Eigenschaften warm, kalt, trocken und feucht ein. Je nach Alter, Jahreszeit oder Krankheit empfiehlt er unterschiedliche Speisen.

Diese Vorstellungen prägten die europäische Medizin über mehr als tausend Jahre.

Mittelalter – Gesundheit für den Alltag

Ab dem 12. Jh. verbreitet sich das „Regimen Sanitatis Salernitanum“, ein Gesundheitslehrgedicht der Medizinschule von Salerno.

In leicht verständlichen Versen erklärt es, welche Speisen bekömmlich sind, warum Bewegung wichtig ist, wann geschlafen werden sollte und wie ein gesunder Alltag aussieht. Das Werk wurde über Jahrhunderte immer wieder abgeschrieben und gedruckt und beeinflusste das Gesundheitsverständnis Europas nachhaltig.

Auch Hildegard von Bingen beschreibt in ihren Werken „Physica“ und „Causae et Curae“ zahlreichen Kräutern, Gewürzen und Lebensmitteln gesundheitsfördernde Wirkungen. Viele ihrer Empfehlungen werden bis heute diskutiert.

Umschlag der ersten Ausgabe, 1480. Titel: Regimen sanitatis cum expositione magistri Arnaldi de Villanova Cathellano

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Was können wir daraus lernen?

Über mehr als 4 Jahrtausende zieht sich ein roter Faden durch die Geschichte: Der Mensch war überzeugt, dass Ernährung seine Gesundheit beeinflusst.

Natürlich wissen wir heute, dass nicht alle damaligen Vorstellungen richtig waren. Die Menschen kannten weder Vitamine noch Mikroorganismen oder Stoffwechselprozesse. Trotzdem beobachteten sie genau, welche Lebensmittel ihnen guttaten, welche Beschwerden linderten und welche den Körper stärkten.

Vielleicht liegt gerade darin die wichtigste Erkenntnis: Gesunde Ernährung bedeutet nicht, auf alles zu verzichten oder jedem Trend zu folgen. Sie bedeutet, bewusst mit Lebensmitteln umzugehen und ihre Qualität wertzuschätzen.

Und vielleicht lohnt sich dabei auch ein Blick in die Vergangenheit. Denn unsere Vorfahren wussten etwas, das wir heute manchmal vergessen: Kräuter und Gewürze waren nie nur Dekoration auf dem Teller. Sie gehörten seit Jahrtausenden selbstverständlich zu einer Ernährung, die den Menschen nicht nur satt machen, sondern gesund erhalten sollte.

Dass ich trotzdem weiterhin gelegentlich zu Quaxi oder einer Handvoll Chips greife? Ganz bestimmt. Geschichte lehrt uns nämlich auch, dass Genuss schon immer Teil einer guten Ernährung war – und dass Gesundheit selten durch Verbote, sondern vielmehr durch ein ausgewogenes Maß entsteht. ;-)