1974 gewann ABBA mit dem Song Waterloo den Eurovision Song Contest – ein Auftritt, der nicht nur Musikgeschichte schrieb, sondern Schweden weltweit sichtbar machte. Bis heute gilt dieser Moment als einer der ikonischsten in der Geschichte des Wettbewerbs.

Doch während man sofort an Glitzer, Popmusik und die 1970er Jahre denkt, lohnt es sich, eine ganz andere Frage zu stellen: Wie hat Schweden geschmeckt, lange bevor es den Eurovision Song Contest überhaupt gab?

Ernährung im Gebiet des heutigen Schwedens

Um diese Frage zu beantworten, verlassen wir die Bühne von Brighton und bewegen uns rund eintausend Jahre zurück, in die Zeit der Wikinger. Zwischen etwa 800 und 1050 n. Chr. war Skandinavien geprägt von Handel, Mobilität und einer engen Verbindung zur Natur. Die Lebensweise der Menschen war stark von den Jahreszeiten abhängig, und genau das spiegelte sich auch in ihrer Ernährung wider.

Die Küche dieser Zeit war keineswegs so schlicht, wie man es sich vielleicht vorstellt. Vielmehr handelte es sich um eine durchdachte, funktionale Ernährungsweise, die sich an den verfügbaren Ressourcen orientierte. Angebaut wurden vor allem robuste Getreidesorten wie Gerste und Roggen. Ergänzt wurden diese durch Fisch, Wild, Milchprodukte und das, was die Landschaft an essbaren Pflanzen hergab.

Was heute oft als „nordische Küche“ inszeniert wird, hatte hier seine sehr bodenständigen Ursprünge.

ESC 1974 Schweden

Ein rekonstruierter Alltagsteller
ESC 1974 Schweden

Ein Gericht, das diese Ernährungsweise besonders gut veranschaulicht, ist ein einfacher Gerstenbrei, der je nach Verfügbarkeit mit Fisch, Kräutern oder Milchprodukten ergänzt wurde. Dabei handelt es sich weniger um ein festes Rezept im modernen Sinn als vielmehr um eine flexible Grundlage, die sich an die jeweiligen Umstände anpasste.

Gerste spielte in Skandinavien eine zentrale Rolle, da sie auch unter schwierigen klimatischen Bedingungen zuverlässig wuchs. Fisch wiederum war eine der wichtigsten Eiweißquellen, besonders in küstennahen Regionen. Wildkräuter brachten zusätzliche Aromen ins Gericht, wobei „Würzen“ im heutigen Sinne kaum üblich war. Geschmack entstand vielmehr durch die Kombination der Zutaten selbst.

Gerade dieser Aspekt macht historische Küche so spannend: Sie folgt anderen Logiken als unsere heutige Ernährung und eröffnet damit einen völlig neuen Zugang zu Geschmack. Unser Wissen über die Ernährung der Wikingerzeit basiert nicht auf überlieferten Kochbüchern, sondern auf einer Vielzahl archäologischer Quellen. Verkohlte Getreidereste geben Hinweise auf den Anbau und die Nutzung von Pflanzen. Tierknochenfunde zeigen, welche Tiere gehalten oder gejagt wurden. Rückstände in Keramikgefäßen lassen Rückschlüsse auf Zubereitungsweisen zu.

Fundorte wie Birka in Schweden oder Haithabu im heutigen Deutschland liefern dabei besonders wertvolle Einblicke. Ergänzt werden diese materiellen Quellen durch schriftliche Überlieferungen wie die isländischen Sagas, die zwar vorsichtig interpretiert werden müssen, aber dennoch Hinweise auf Essgewohnheiten und soziale Kontexte geben.

Ein überraschender Blick auf das „typisch Schwedische“

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Blick auf das, was es damals noch nicht gab. Gerichte wie Köttbullar, die heute beinahe selbstverständlich mit Schweden verbunden werden, gehören nicht zur Ernährungswelt der Wikingerzeit. Sie entstanden deutlich später und spiegeln vielmehr eine zunehmend vernetzte und von kulturellem Austausch geprägte Küche wider. Die Ernährung der Wikinger war dagegen einfacher, regionaler und stark von Klima, Jahreszeiten und verfügbaren Ressourcen bestimmt. Gerade dieser Unterschied zeigt eindrucksvoll, wie sehr sich Esskultur im Laufe der Jahrhunderte verändern kann.

ESC 1974 Schweden

Geschichte verstehen – und schmecken

Die Beschäftigung mit historischer Ernährung eröffnet einen Zugang zur Vergangenheit, der über reine Fakten hinausgeht. Sie macht deutlich, wie eng Umwelt, Wirtschaft und Alltagspraktiken miteinander verbunden sind. Was heute als typisch gilt, ist oft das Resultat von Anpassung, Verfügbarkeit und kulturellem Austausch.

In meinen Kochkursen wird genau dieser Zugang erlebbar. Es geht nicht nur darum, historische Gerichte nachzuvollziehen, sondern die Bedingungen zu verstehen, unter denen sie entstanden sind. Welche Zutaten standen zur Verfügung? Welche Techniken wurden genutzt? Und wie verändert sich unser eigener Geschmack, wenn wir uns diesen historischen Rahmenbedingungen annähern?