Eine Weltkarte gehört für uns zum Alltag. Wir kennen sie aus dem Schulatlas, aus Reiseführern und mittlerweile vor allem vom Handy. Wir suchen einen Ort, schauen nach, wie weit es bis dorthin ist, und wissen meistens sofort, wo Norden liegt.

Dabei ist vieles davon gar nicht so selbstverständlich, wie es scheint.

Warum liegt Norden eigentlich oben? Warum sieht Grönland auf manchen Karten beinahe so groß wie Afrika aus? Und warum gibt es überhaupt so viele verschiedene Arten, die Welt auf einer flachen Karte darzustellen?

Die aktuelle Diskussion um eine neue, gerechtere Weltkarte ist ein guter Anlass, sich diese Fragen einmal genauer anzusehen. Denn Menschen versuchen schon seit Jahrtausenden, ihre Umgebung zu erfassen und auf irgendeine Weise darzustellen. Und schon die ältesten Karten erzählen nicht nur etwas über Landschaften, sondern auch darüber, wie ihre Schöpfer die Welt gesehen haben.

Was ist überhaupt eine Karte?

Bevor man sich die Geschichte der Karten anschaut, muss man eigentlich klären, was eine Karte überhaupt ist.

Eine Karte ist eine verkleinerte und vereinfachte Darstellung eines räumlichen Zusammenhangs. Sie zeigt also nicht einfach ein Bild einer Landschaft, sondern bringt verschiedene Dinge in eine bestimmte räumliche Beziehung zueinander. Das können Flüsse, Berge und Städte sein, aber auch Grundstücke, Straßen, Grenzen oder ganze Länder.

Eine Karte muss dabei nicht unbedingt zur Orientierung dienen. Sie kann genauso gut dazu verwendet werden, Land zu vermessen, Besitz festzuhalten oder eine bestimmte Vorstellung von einem Gebiet zu vermitteln. Gerade bei sehr alten Karten ist das wichtig. Wenn wir heute von einer Karte sprechen, denken wir schnell an eine Straßenkarte oder an Google Maps. Eine Karte aus der Antike hatte aber oft eine ganz andere Aufgabe.

Entscheidend ist, dass ein begrenzter Raum dargestellt wird.

Karte
Weltkarte

Die ersten Karten – lange vor Google Maps
BAbylon Weltkarte

Tontafel mit Keilschrift und Karte von Babylon

https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1748616

Die ersten bekannten Karten und kartografischen Darstellungen sind mehrere tausend Jahre alt. Besonders frühe Beispiele stammen aus Mesopotamien. Dort wurden bereits im 3. Jt. v. Chr. räumliche Informationen auf Tontafeln festgehalten. Es ging beispielsweise um Grundstücke, Felder, Kanäle oder andere Teile der Landschaft. Der Hintergrund war meist sehr praktisch. Land musste vermessen und verteilt werden. Bewässerungssysteme mussten geplant und verwaltet werden. Und natürlich musste auch festgehalten werden, wem welches Grundstück gehörte. Die Karte war damit zunächst weniger ein Hilfsmittel für Reisende als ein Werkzeug für die Verwaltung. Das klingt unspektakulär, ist aber ein wichtiger Schritt. Denn sobald Menschen beginnen, einen Raum grafisch festzuhalten, können sie Informationen über diesen Raum speichern und weitergeben – auch an jemanden, der selbst gar nicht dort war.

Ein besonders berühmtes Beispiel aus Mesopotamien ist die babylonische Weltkarte. Sie entstand vermutlich im 6. Jh. v. Chr.. Die Karte zeigt die Welt so, wie man sie sich in Babylon vorstellte. Babylon befindet sich im Zentrum. Rundherum sind weitere bekannte Regionen angeordnet. Ein ringförmiger Bereich stellt das Meer dar, das die bekannte Welt umgibt.

Mit unserem heutigen Wissen über die Geografie der Erde hat das natürlich wenig zu tun. Aber das ist auch gar nicht der entscheidende Punkt. Diese Weltkarte zeigt uns, welche Bedeutung Babylon hatte und wie man sich die bekannte Welt vorstellte. Sie ist damit nicht nur eine geografische Darstellung, sondern auch ein Dokument eines bestimmten Weltbildes. Das ist bei historischen Karten überhaupt ein interessanter Gedanke: Eine Karte muss nicht nur zeigen, wo etwas ist. Sie kann auch zeigen, was den Menschen wichtig war.

China – eine andere Tradition

Wenn man über die Geschichte der Karten spricht, sollte man allerdings nicht den Eindruck erwecken, die Entwicklung sei von Mesopotamien über Griechenland direkt nach Europa verlaufen. Auch in China gibt es eine sehr alte und eigenständige Tradition der Kartografie. Besonders bekannt sind die Karten von Mawangdui, die 1973 in einem Grab bei Changsha entdeckt wurden. Sie entstanden im 2. Jh. v. Chr. und wurden nicht auf Tontafeln, sondern auf Seide gezeichnet. Dargestellt sind unter anderem Flüsse, Berge, Siedlungen und Verkehrswege. Einige dieser Karten hatten offenbar auch militärische und administrative Bedeutung. Das macht sie besonders interessant: Hier geht es nicht nur um eine symbolische Darstellung der Welt, sondern um ganz konkrete räumliche Informationen.

Auch später beschäftigten sich chinesische Gelehrte intensiv mit der möglichst genauen Darstellung von Entfernungen und Positionen. Der Kartograf Pei Xiu entwickelte im 3. Jh. n. Chr. dafür eigene Grundsätze. Karten entstanden also in unterschiedlichen Teilen der Welt aus unterschiedlichen Bedürfnissen heraus. Und nicht überall sah eine Karte gleich aus.

Mawangdui

Eine chinesische topografische Karte (mit dem Süden oben) aus dem Grab 3 von Mawangdui. Länge: 96 cm; Breite: 96 cm. Die Karte ist mit Tinte auf Seide gezeichnet. Die Karte zeigt ein großes Gebiet im Süden Chinas, das sich vom kaiserlichen Lehensgebiet Changsha (ein halbautonomes Königreich innerhalb des Han-Reiches, dem heutigen Hunan) bis zum unabhängigen und zeitweise feindseligen Königreich Nanyue im heutigen Guangdong und im Norden Vietnams erstreckt.

https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6643984

Griechen und Römer: Vermessen und berechnen
Eratosthene

https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1225484

Ptolemaus

Die Weltkarte des Ptolemäus, die im 15. Jahrhundert anhand seiner „Geographie“ rekonstruiert wurde, zeigt die Länder Serica und Sinae (China) ganz rechts, jenseits der Insel Taprobane (Sri Lanka) und des Aurea Chersonesus (Südostasien).

https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=193697

Auch die Griechen wollten irgendwann genauer wissen, wie die Welt aufgebaut ist. Dabei spielte die Mathematik eine immer grössere Rolle. Eratosthenes berechnete bereits im 3. Jh. v. Chr. den Umfang der Erde. Seine Berechnung war erstaunlich genau, obwohl ihm natürlich keine modernen Messinstrumente zur Verfügung standen. Ein weiterer wichtiger Schritt erfolgte mit Claudius Ptolemäus im 2. Jh. n. Chr. Er arbeitete mit einem System aus Längen- und Breitengraden und ordnete zahlreichen Orten Koordinaten zu. Damit wurde aus der Karte immer mehr ein mathematisches Modell.

Ein Ort konnte nun nicht mehr nur deshalb auf einer Karte liegen, weil er in der Nähe eines anderen Ortes lag. Man konnte ihm eine bestimmte Position zuweisen. Das Prinzip kommt uns heute sehr bekannt vor. Wenn uns das Handy unseren Standort anzeigt, geschieht das letztlich ebenfalls über die eindeutige Bestimmung einer Position.

Mittelalter: Viele verschiedene Welten

Im Mittelalter gab es nicht die EINE Vorstellung davon, wie eine Weltkarte auszusehen hatte. Europäische Karten waren häufig stark vom christlichen Weltbild geprägt. Auf manchen Darstellungen stand Jerusalem im Mittelpunkt. Und nicht selten lag der Osten oben. Für uns wirkt das zunächst falsch, weil wir gelernt haben, dass Norden oben gehört. Aber eigentlich ist „oben“ auf einer Karte überhaupt nicht selbstverständlich.

Auch in der islamischen Welt wurde geografisches Wissen gesammelt und kartografisch dargestellt. Gelehrte beschäftigten sich mit Städten, Entfernungen, Handelswegen und Landschaften. Ein besonders bekanntes Beispiel ist die Weltkarte des Geografen al-Idrisi aus dem 12. Jh..

Daneben entwickelten sich im Mittelmeerraum die Portolankarten. Sie waren wesentlich praktischer ausgerichtet und sollten Seeleuten dabei helfen, sich auf dem Meer zurechtzufinden.

Damit sehen wir bereits zwei ganz unterschiedliche Aufgaben einer Karte: Die eine soll erklären, wie die Welt aufgebaut ist. Die andere soll helfen, sich in dieser Welt zu bewegen.

Al-Idrissi

Die Welt laut al-Idrissi

https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=101284

Die Karte wird zum Machtinstrument
Weltkarte

Kolonialismus im 19. Jh.

https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=852320

Mit den europäischen Entdeckungsfahrten ab dem 15. Jh. veränderte sich die Bedeutung von Karten noch einmal. Neue Küsten wurden eingezeichnet, Handelswege dokumentiert und immer grössere Teile der Erde kartiert. Karten wurden zu wichtigen Werkzeugen für Seefahrt und Handel. Aber auch Staaten und Herrscher hatten ein grosses Interesse daran, ihr Gebiet möglichst genau zu kennen. Eine Karte konnte Grenzen sichtbar machen. Sie konnte Besitzansprüche festhalten. Und sie konnte Gebiete, die zuvor nur sehr ungenau bekannt waren, für Verwaltung und Kontrolle erfassbar machen. Gerade im Zusammenhang mit dem europäischen Kolonialismus wurde Kartografie deshalb auch zu einem Instrument der Macht. Wer ein Gebiet vermisst und kartiert, verfügt über Wissen darüber. Und Wissen über ein Gebiet kann wiederum die Grundlage dafür sein, dieses Gebiet zu verwalten oder zu beanspruchen.

Die Karte war damit längst mehr als ein Hilfsmittel für Reisende.

Mercator und das Problem der Weltkarte

Eine der bekanntesten Weltkarten stammt vom flämischen Kartografen Gerhard Mercator. Seine Weltkarte von 1569 wurde vor allem für die Navigation wichtig. Das Problem, das dahintersteht, ist allerdings viel älter und lässt sich bis heute nicht lösen: Die Erde ist rund, eine Karte ist flach. Man kann also einen Globus nicht einfach auseinanderfalten und auf ein Blatt Papier legen, ohne dass sich etwas verändert. Bei der Mercator-Projektion werden die Flächen vor allem in Richtung der Pole immer stärker vergrößert. Deshalb wirkt Grönland auf einer solchen Karte riesig. Tatsächlich ist Afrika ungefähr 14-mal so groß wie Grönland. Mercators Karte ist deshalb aber nicht einfach eine „falsche Karte“. Für die Navigation hat ihre Projektion große Vorteile. Sie bewahrt bestimmte Winkel und Richtungen und war damit für Seeleute ausgesprochen nützlich.

Das Beispiel zeigt vielmehr ein grundsätzliches Problem der Kartografie: Man kann nicht alles gleichzeitig richtig darstellen. Je nachdem, welche Eigenschaften man bewahren möchte, muss man andere stärker verzerren.

Und genau hier sind wir bei der heutigen Diskussion. Wenn eine Weltkarte gerechter oder ausgewogener sein soll, stellt sich zunächst die Frage: Was bedeutet überhaupt gerecht? Eine Weltkarte kann Flächen möglichst korrekt darstellen. Sie kann versuchen, die Formen der Kontinente zu erhalten. Sie kann Entfernungen möglichst genau wiedergeben oder für die Navigation geeignete Richtungen zeigen.

Aber alles gleichzeitig geht nicht. Jede Projektion ist ein Kompromiss.

Deshalb gibt es auch nicht die eine Weltkarte, die alles „richtig“ macht. Es kommt darauf an, was man mit einer Karte zeigen und wofür man sie verwenden möchte. Trotzdem ist die Diskussion interessant, denn Karten beeinflussen unsere Wahrnehmung. Wenn bestimmte Regionen über Jahrhunderte immer in der Mitte stehen oder bestimmte Gebiete deutlich grösser erscheinen, als sie tatsächlich sind, prägt das auch unser Bild von der Welt. Eine Karte ist also niemals völlig neutral. Das war schon bei der babylonischen Weltkarte so. Babylon lag dort im Mittelpunkt, weil Babylon für die Menschen, die diese Karte schufen, eine zentrale Bedeutung hatte. Heute erscheint uns eine andere Anordnung selbstverständlich, weil wir uns an bestimmte Darstellungen gewöhnt haben.

Mercator

Mercator, MErcator,MMercatorGGeert Mercator, Gravur von Frans Hogenberg

https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15553864

Weltkarte

Von den Tontafeln Mesopotamiens über die chinesischen Karten auf Seide, die Koordinatensysteme der Antike und die Karten der Seefahrer bis zu unseren digitalen Karten hat sich unglaublich viel verändert. Das Grundbedürfnis ist aber geblieben. Der Mensch möchte wissen, wo er ist und wie seine Welt aufgebaut ist. Wir vermessen unsere Umgebung, zeichnen sie auf und geben ihr Namen. Wir legen Grenzen fest, markieren Wege und bestimmen Entfernungen. Heute erledigt das zum großen Teil das Smartphone für uns. Aber hinter jeder Karte steckt nach wie vor eine Entscheidung: Was soll dargestellt werden? Was soll im Mittelpunkt stehen? Was wird weggelassen? Und welche Art von Welt soll der Betrachter vor sich sehen? Vielleicht ist das die spannendste Seite der Kartografie. Eine Karte zeigt uns nicht nur die Welt. Sie zeigt uns auch, wie Menschen die Welt sehen.